Grand Malheur – Eine Glosse

„Wie sein gekommen die Malheur auf die Welt?“

Es ist die Geschichte von Adam und Eva, die Madame Dubois jedes Mal wieder ein Funkeln in die Augen und ein Lächeln auf die Lippen zaubert, wenn sie sich selbst reden hört und sich damit in eine schier paradiesische Stimmung hineininszeniert. Sie erzählt diese Geschichte jetzt schon seit gefühlten achtzig Jahren, und nein, so ganz abwegig ist das gar nicht, schließlich will sie in fünf Jahren ihren hundertsten Geburtstag feiern. „Die Malheur auf die Welt“ hat allerdings inzwischen Ausmaße angenommen, die diese Jahrhundert-Party sprichwörtlich ins Wasser fallen lassen könnten. Und Madame Dubois weiß genau, wer für das Malheur verantwortlich ist: Eva, dieses sündige Weib, ließ sich vom Teufel – le diable – verführen! Ja, aber ist sie denn deshalb wirklich schuld an allem? Ist doch schon 120.000 Jahre her, da gibt’s doch wohl Verjährungsfristen?

Außerdem kursieren ja auch noch ganz andere wilde Ideen, wie wir Menschen auf diesem Planeten gelandet sein könnten, um Unheil zu stiften. Vier Milliarden Jahre dürfte die Entwicklung der Erde inzwischen andauern, und der Mensch soll sich aus dem Meer über Primaten und Neandertaler irgendwie dahin entwickelt haben, wo er jetzt ist. Unvorstellbare vier Milliarden Jahre! Das sind vierzig Millionen Jahrhunderte oder vier Millionen Jahrtausende. Kein Mensch ist in der Lage, sich diese Zeiträume mit seinem – pardon! – begrenzten Verstand nur annähernd vorzustellen. Allerdings ist an dieser ganzen Berechnung sowieso irgendwas faul, die Neandertaler haben angeblich vor 300.000 Jahren gelebt, und jüngst soll ein Exemplar dieser Gattung in höchsten Regierungskreisen zweifelsfrei identifiziert worden sein. Klar, wer hier für das Malheur auf der ganzen Welt verantwortlich ist, oder?

Eine ganz andere Idee, wie Mensch und Malheur sich die Hände reichen, stammt aus dem Buddhismus mit seiner Reinkarnations-Theorie. Allerdings sind hier weder Anfang noch Ende in Sicht. Von Inkarnation hat irgendwie jeder schon mal was gehört, aber hä? Karma? Nee, Carne – Fleisch! Inkarnation bedeutet  so viel wie „Fleischwerdung“. Und Reinkarnation? …dass wir wieder und wieder und wieder auf der Erde in einen Körper geboren werden, was natürlich ein Sein impliziert, welches auch ohne einen Körper irgendwo im Nirgendwo existiert. Karma ist immanent, gehört sozusagen zur Vollausstattung, egal, ob wir gerade auch körperlich oder nur geistig unterwegs sind. Das Schuldmodell ist hier nicht von Belang, aber Malheur ist karmabedingt gewiss trotzdem genug da.

In Madame Dubois‘ Universum jedenfalls ist Eva aus der Rippe Adams „Fleisch geworden“, um dann später zu sündigen:

>>Und Monsieur lieber Gott aben gesakt: Bien, du sollst aben auk eine camerade. Er att lassen endormier den Adam. Als er schliffte fest, att er gemakt une petite operation. Er aben genimmt eine petite côtelette von l’Adam, dann aben er gesakt: oküs, poküs, fifikküs! Und er aben ge’aucht: hhhhhhhhh. Und fertik war Eva, la premiere femme, die erste Weib.<<

Aber egal, ob wir nun aus Sternenstaub, Kaulquappen, Rippen oder sonstwas gemacht sind – wir haben es ordentlich vermasselt, haben un très grand malheur geschaffen. „Fleischwerdung“ und „Fleischnutzung“ wurden an irgendeinem Punkt irgendeiner Entwicklung wohl folgenschwer durcheinandergewürfelt: Sieben Milliarden Menschen und siebzig Milliarden Nutztiere bewohnen derzeit diesen Planeten. Letztere furzen ihn gerade zugrunde. Alle Autos, Flugzeuge, Schiffe, also alle Transportvehikel zusammengenommen, können mit ihrem CO²-Ausstoß gegen die Gefährlichkeit und Masse des Furzgases nicht anstinken. Die Tiere tun es vornehmlich dort, wo einst ein Regenwald stand und das CO² in Sauerstoff umwandelte. Kuschelig warm wird es jetzt für uns mit dem ganzen Kohlendioxid, da es die Erdatmosphäre nicht verlassen kann. Die Pole schmelzen, der Meeresspiegel steigt an und irgendwann ganz plötzlich werden wir den Strand direkt vor der Tür haben. Naja, vielleicht im dreizehnten Stock oder so. Für die Party von Madame Dubois sollten wir auf jeden Fall Badesachen einpacken…

(Dieser Text hat es im Januar 2018 auf den 1. Platz beim Schreibwettbewerb „Konzept Feuerpudel“ geschafft: https://gleiswildnis.de/konzeptfeuerpudel-im-januar-nachbereitung/).

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